Kuriose Todesanzeigen

Der Ratzeburger Pastor Hans Mader sammelt Todesanzeigen. Dabei findet er Aussagen wie „Der Tod ist barmherziger als Deine Unbarmherzigkeit“ und versucht zu beantworten, warum Menschen so etwas über Tote schreiben.
Hans Marder
© Thilo Knott

In einer Todesanzeige heißt es: „Die Personifizierung geistigen Hochmutes und menschlichen Versagens“. Komisch oder traurig, Herr Mader?


Hans Mader: Traurig. Absolut traurig. Normalerweise gibt es eine große Scheu, etwas Negatives über einen Toten zu sagen oder zu schreiben. Auch wenn man negative Gedanken haben kann, macht man so was nicht.

 


Warum nicht? Es ist doch authentisch?


Hans Mader: Es gibt immer noch die Phantasie, dass die Toten das lesen, was man über sie schreibt. Es gibt die uralte Angst vor der Rache der Toten.


Noch jemand, dem dann Rache droht, er schreibt über seine verstorbene Rita: „Der Tod ist barmherziger als Deine Unbarmherzigkeit.“


Hans Mader: Auch traurig. Das sind typische Scheidungs-Geschichten. Oder Beziehungen, die auseinander gegangen sind. Wo dann auf diese Weise Dampf abgelassen wird.

 

 
Über den Interviewpartner:


Hans Mader, 58, ist Pastor der evangelischen Gemeinde St. Georgsberg in Ratzeburg. Seine Gemeinde hat 5.000 Mitglieder. Geboren im katholischen Köln, studierte er in Bonn Theologie. Er lebt seit 26 Jahren in Ratzeburg. Die erste Todesanzeige, die er aufgehoben hat, war die für seine verstorbene Mutter. Er war damals 13 Jahre alt.


 

 

Eine weitere Todesanzeige: „Bei der Vorbereitung zur Treibjagd hat uns unser Jagdpächter verlassen. Ein letztes Waidmannsheil!“ Jetzt müssen Sie aber lachen, Herr Mader?


Hans Mader: Nein. Traurig. Immer noch. Für mich sind Todesanzeigen immer tragisch. Auch wenn sie für manchen noch so eine gewisse Komik haben. Wenn Giovanni Trapattoni zitiert wird mit „Ich habe fertig.“ Oder Hape Kerkeling.


Hape Kerkeling?


Hans Mader:
Ja. Da steht dann in der Todesanzeige: „Das ganze Leben nur ein Quiz? Hurz!“


Jetzt schmunzeln Sie.


Hans Mader: Das ist eine lockere Sprache, die schon auffällt. Natürlich kann man darüber auch lachen. Ja, ich muss auch manchmal lachen. In der Bibel steht ja auch, dass man seit der Auferstehung Jesu den Tod auslachen kann. Weil er mit der Auferstehung die letzte Macht verloren hat. Für alle Menschen ist der Tod etwas Schreckliches. Und die Bibel hat gesagt: Da kann man auch drüberstehen.


Aber?


Hans Mader: Ich muss jetzt hier mal klarstellen, dass ich ein sehr lebenslustiger Mensch bin - auch wenn ich in diesen Fällen nur Trauer verspüre. Ich bin mit viel Humor ausgestattet. Ich bin Fan des 1. FC Köln, wo man bei all dem Auf und Ab einen gewissen Galgenhumor braucht. Und ich bin Rheinländer.


Aber?


Hans Mader: Die Menschen sind einfach tief getroffen. Das ist die erste Trauerphase, in der der Tod noch verdrängt wird. Deshalb schreiben die Leute nicht: „Er ist gestorben.“ Sie schreiben: „Er hat uns verlassen.“ Als könnte der Tote wiederkommen. Oder sie schreiben: „Sie ist entschlafen.“ Als könnte die Tote demnächst wieder aufwachen. Trauerarbeit bedeutet, den Tod auch wirklich zu akzeptieren. Aber das können die meisten noch nicht, wenn sie die Todesanzeigen formulieren müssen.


All die Kuriositäten sind also Gefühlsausbrüchen geschuldet.


Hans Mader: Ja. Darum werden 90 Prozent der Todesanzeigen nach Vorlagen formuliert. Da gehen die Angehörigen in die Zeitung - und die haben dann die Varianten mit unterschiedlichen Psalmen oder Sprüchen oder Formulierungen parat.


Und die restlichen 10 Prozent?


Hans Mader: Die werden individuell formuliert. Aber viele Menschen haben überhaupt keine Übung, Texte zu schreiben. Und sie scheitern eben auch manchmal an der deutschen Sprache.


In den Todesanzeigen gibt es Hass, Rache, Worte wie „Scheiße!“ Warum gehen die Leute mit ihren Gefühlen so extrem an die Öffentlichkeit?


Hans Mader: Weil es immer weniger Menschen gibt, die mit Trauernden reden. Früher gab es zum Beispiel Kondolenzbesuche in der Nachbarschaft, im Bekanntenkreis, im Dorf. Das war ganz normal.


Aber die gibt es doch heute auch noch.


Hans Mader: Ja, aber die Trauernden finden immer weniger Ansprechpartner. Die erwarten ja nicht mal perfekte Antworten und Lösungen für ihre Probleme. Die erwarten keinen Profi-Psychologen. Sondern nur jemanden, der ihnen zuhört. Oder jemanden, der es aushält, wenn der Trauernde heulen muss, „Scheiße!“ sagt oder seine Wut raus lässt. Und wenn sie niemanden haben - dann ist die Todesanzeige eine Möglichkeit, diese Gefühle loszuwerden. Sie schreien ihren Schmerz, die Verzweiflung, die Trauer hinaus. Auch wenn sie sich nur an eine anonyme Öffentlichkeit wendet.


Dann hat ein Teil der Todesanzeigen den klassischen Mitteilungscharakter verloren?


Hans Mader: Würde ich sagen. Der Trend bei den Todesanzeigen geht dahin, dass sie wirklich nur noch für den Toten und die Hinterbliebenen formuliert werden.


Was meinen Sie damit?


Hans Mader: Sie wollen gar nicht mehr den Tod eines bestimmten Menschen bekannt machen oder zur Beerdigung einladen. Der Tote wird zum Beispiel direkt angesprochen - ohne dass der Name auf der Todesanzeige steht. Da steht dann zum Beispiel: „Opa. Du fehlst mir so. Ich liebe dich. Deine Emma.“ Die Todesanzeigen sind also anonymisiert. Niemand, der die Todesanzeige liest, weiß, wer Opa ist oder Emma. Das weiß nur noch Emma.


Die Rituale, wie eine Todesanzeige auszusehen hat oder wie eine Beerdigung vonstatten gehen muss, werden aufgebrochen. Ist das nicht ein Fortschritt?


Hans Mader: Es bleibt aber eine schizophrene Situation.


Was meinen Sie mit schizophren?


Hans Mader: Auf der einen Seite sterben jeden Tag Tausende von Menschen am Bildschirm, im Fernsehen. Je mehr Tote, je grausamer, umso besser.


Sie übertreiben.


Hans Mader: Nein.


Und auf der anderen Seite?


Hans Mader: Wenn es ernst wird, wenn die Menschen dann tatsächlich mit dem Tod konfrontiert werden, dann ducken sie sich weg. Der Tod wird heutzutage verdrängt. Früher waren die Friedhöfe mitten im Dorf, heute liegen sie außerhalb der Städte. Früher ging man jeden Sonntag auf den Friedhof. Zu den Toten. Heute schiebt man das alles weg. Allein, dass anonyme Bestattungen zunehmen! Das ist eine richtige Entsorgungsmentalität geworden.


Aber ist es nicht ein fortschrittlicher Umgang mit dem Tod, wenn sich die Menschen heutzutage bunte Särge aussuchen und sich zur Beerdigung "Highway to Hell" wünschen?


Hans Mader: Klar: Die alten Traditionen brechen auf. Natürlich macht die Individualisierung auch nicht vor dem Umgang mit dem Tod halt.


Finden Sie das gut?


Hans Mader: Nö.


Als Pastor müssen Sie „Nö“ sagen.


Hans Mader: Es ist egal, ob ich das gut oder schlecht finde. Als Vertreter der Kirche habe ich spontan Nein gesagt. Weil es Vor- und Nachteile hat, wenn traditionelle Gemeinschaften auseinander brechen. Nur: In Krisensituationen wie dem Umgang mit dem Tod ist eine Gemeinschaft wie die Kirche vielleicht hilfreich.


Wie ist das bei Ihnen, wenn Sie auf einer Beerdigung reden?


Hans Mader: Das klingt jetzt vielleicht doof: Aber ich mache gerne Beerdigungen. Weil ich wirklich in solchen Momenten das Gefühl habe, hier kann ich Menschen helfen. Das ist für mich wirklich eine innere Befriedigung. Wenn die Menschen nach einer Beerdigung auf mich zukommen und sagen: „Danke, dass Sie mich begleitet haben.“ Oder: „Danke, dass Sie die richtigen Worte gefunden haben!" Dann weiß ich: Das kommt aus tiefstem Herzen.


Aber Sie würden schon sagen, dass die Kirche die Deutungshoheit über den Tod verloren hat, oder?


Hans Mader: Klar, das ist nicht zu bestreiten. Das sieht man ja auch an den Todesanzeigen.


Dass christliche Symbolik in den Todesanzeigen verschwunden ist?


Hans Mader: Ja. Früher gab´s Bibelverse zuhauf. Früher gab’s ein Kreuz in jeder Todesanzeige. Als Hinweis auf die Kreuzigung Jesu, die Erlösung und das ewige Leben. Heute ist das äußerst selten. Gut, man findet das in sehr katholischen Gegenden noch. In Köln. Oder in Bayern. Wobei: Selbst die CSU hat das Kreuz abgeschafft.


Die CSU?


Hans Mader: Die Todesanzeige der CSU für Franz-Josef Strauss kam schon ohne Kreuz aus. Das war 1988. Auch bei der CDU ist das so. Die Todesanzeigen für Konrad Adenauer im Jahre 1963 oder Ludwig Erhard 1977: Ganz selbstverständlich mit Kreuz. Beim dritten verstorbenen CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger 1988 fehlte es dagegen.


Sie wünschen sich die Kreuze in Todesanzeigen wieder?


Hans Mader: Darum geht es nicht. Ich sage auch nicht: Es muss alles im Sinne der Kirche ablaufen.


Aber?


Hans Mader: Aber die Kirche macht ihr Angebot doch auch nicht, um die Leute zu schikanieren. Die Kirche macht Menschen, die trauern, ein wie ich finde sehr gutes Angebot. Dazu können sie Ja oder Nein sagen. Aber ich merke: Es gibt ein Bedürfnis.


Woran merken Sie das?


Hans Mader: Bei mir im Konfirmandenunterricht zum Beispiel. Die sind 13 oder 14 Jahre alt. In der Pubertät also. Das ist quasi ihre erste Lebenskrise. Das ist verbunden mit einem Stück Abschied, mit einem Stück Tod der Kindheit und der Unbekümmertheit. Da wird´s dann ernst. Da setzen sie sich vielleicht erstmals wirklich mit dem Tod auseinander. Nur: Mit wem sollen sie darüber reden? Mit den Eltern? Im Freundeskreis? Nein.


Und dann packen Sie Ihre Todesanzeigen-Sammlung aus.


Hans Mader: Klar, habe ich das schon öfter gemacht. Das bringt ihnen den Tod nahe. Aber mit der nötigen Distanz, die man hat, wenn man Todesanzeigen liest.


Herr Mader, wie sieht Ihre eigene Todesanzeige aus?


Hans Mader: Oh, Gott.


Keine Vorstellung?


Hans Mader: Na ja, ich möchte schon etwas Christliches haben. Einen Bibelvers, ein Kreuz. Aber formuliert habe ich noch nichts. Das überlasse ich dann meiner Frau und meinen Kindern.


Das ist gemein.


Hans Mader: Wieso gemein?


Weil Sie der absolute Experte für Todesanzeigen sind und einen großen Fundus haben.


Hans Mader: Ach was. Der ist schon zu groß. Meine Familie fragt mich schon gar nicht mehr bei der Formulierung von Todesanzeigen. Die denken: Der hat so viel drauf - da wird die Auswahl bestimmt schwierig. Und dann nehmen sie meistens was ganz Normales.

 

 


Das Interview führte Thilo Knott. Er lebt und arbeitet als Journalist in Berlin. 2001 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis für seine journalistische Arbeit.