Eiskalt unter die Erde

Ein schwedisches Bestattungsunternehmen hat die ökologisch korrekte Bestattung entwickelt: Verstorbene werden mit flüssigem Stickstoff auf minus 196 Grad heruntergekühlt. Am Ende bleibt nur Pulver übrig, das getrocknet und von metallischen Rückständen befreit wurde.

Immer häufiger wird der Wunsch nach einer ökologisch korrekten Bestattung geäußert, die sich mit Würde und angemessenem Totenkult vereinbaren lassen muss. Mit wachsender Verantwortung für das Klima gerät selbst die gegenwärtig häufig gewählte Methode des Verbrennens mehr und mehr ins Hintertreffen. Die Körper unserer Toten sind eben auch nur organisches Material. Und nach deren Karbonisierung verbleiben Asche mit komplexer chemischer Zusammensetzung: flüchtige Verbrennungsoxide und natürlich das als Treibhausgas in Verruf gekommene Kohlendioxid. Selbst bei idealen Bedingungen, sprich hohen Temperaturen und optimal eingestellter Sauerstoffzufuhr, wie sie die modernsten Krematorien gewährleisten, lässt sich dies kaum unterbinden, ganz abgesehen von dem dabei erforderlichen hohen Verbrauch an fossilen Brennstoffen für die Befeuerung.

 

Als Alternative bietet ein schwedisches Bestattungsunternehmen ein Hightech-Verfahren an, das modernste Kühlungstechnik mit Vakuumtrocknungsmethoden kombiniert. Vorbilder dafür gibt es beim Umgang mit anderen organischen Materialien, etwa in der Lebensmitteltechnologie. Die Kryobestattung („kryo“ = griechisch für Kälte) vollzieht sich in mehreren Stufen. Zuerst wird der Leichnam ganz herkömmlich in einen Sarg gelegt. Sofort danach befasst sich die neue Methode mit dem körpereigenen Wasser des Verstorbenen. Es macht etwa 70 Prozent seines Körpergewichts aus. Dieser Treibstoff, der erst alles Leben ermöglicht, wird nach dem Dahinscheiden zum großen Problem. Denn Wasser in Kombination mit Sauerstoff und hohen Temperaturen ist die Grundlage des Verderbens, der Fäulnis. Bei unsachgemäßer Lagerung verdirbt jedes tote Fleisch.

 

 

Über den Autor: 


Thomas Vilgis ist Professor am Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz.


 

 

Doch nicht nur der frisch gekaufte Sonntagsbraten kann zur späteren Verwendung bei minus 18 Grad Celsius in der Kühltruhe für eine gewisse Zeit eingefroren werden. Das körpereigene Wasser friert dabei zu Eiskristallen. Chemische Reaktionen und biologische Verfallsprozesse verlangsamen sich dramatisch. Nüchtern betrachtet lässt sich dasselbe Prinzip bei Leichen ebenfalls anwenden: Die Körper werden also eingefroren, bis ein Platz in einem Stickstoffbad frei wird. Herkömmliche Vorsichtsmaßnahmen für die unmittelbare Zeit nach dem Ableben oder gar Balsamierungsmethoden sind daher nicht notwendig.

 

In der zweiten Stufe wird der Leichnam samt Sarg in flüssigen Stickstoff getaucht. Flüssiger Stickstoff hat eine Temperatur von minus 196 Grad. Bei Leichen hat er eine ganz besondere Aufgabe: Die schon eingefrorenen Körper werden noch weiter abgekühlt. Es mag auf den ersten Blick vollkommen unsinnig erscheinen, bereits eingefrorene organische Materialien noch weiter zu frosten. Allerdings ist dies für die Kryobestattung allein aus physikalischen Gründen unabdingbar. Um dies zu erklären, müssen wir einen kleinen Ausflug in die molekulare Welt unternehmen.

 

Muskelfasern, Bindegewebe und Knochenmaterial bestehen letztlich aus verschiedenen Proteinen, und diese sind nichts anderes als lange, kettenförmige Moleküle. Dazwischen befinden sich noch, je nach vorausgegangenem Lebensstil, Fette und andere kleine Moleküle. Wie bei allen Materialien bestimmt die Molekülbewegung deren Elastizität und somit die Beweglichkeit des ganzen Körpers. Je stärker sich die Moleküle bewegen können, desto deformierbarer und elastischer ist der ganze Materialkörper. Selbst bei minus 18 Grad wackeln diese Moleküle noch kräftig hin und her. Durch weitere Absenkung der Temperatur wird aber dieses Molekülgewackel immer weiter eingeschränkt, bis bei sehr tiefen Temperaturen die Moleküle fast unbeweglich erscheinen.

 

Die sichtbare Folge ist so dramatisch wie simpel: Die Körper werden extrem spröde und brechen wie Glas. Ein kleines Experiment mit Stickstoff zeigt dies. Ein beweglicher und flexibler Gummischlauch wird, wenn er in flüssigen Stickstoff getaucht wird, hart und spröde. Kein Wunder, denn wie soll sich Gummi dehnen lassen, wenn alle Moleküle, aus denen der Schlauch zusammengesetzt ist, auf ihren Plätzen starr verharren? Materialphysiker sprechen daher vom „Glasübergang“. Schlägt man dann mit einem Hammer auf den verglasten Schlauch, zerbirst dieser in viele kleine Trümmer wie Fensterglas.

 

Auch ein toter Körper „erstarrt glasig“ und wird dabei spröde. Damit folgt die vierte Stufe: Am Leichnam wird gerüttelt, der vollkommen spröde Körper zerspringt dabei in winzige Granulate, und es bleibt nichts weiter übrig als ein Häufchen Pulver mit Eisstückchen. In der fünften Stufe wird dieses Pulver unter Vakuum getrocknet, ähnlich den Verfahren, die vom Instantkaffee bekannt sind. Die sechste Stufe befreit dieses trockene Pulver dann noch von metallischen Rückständen, etwa Prothesen, Zahnersatz und dergleichen. Magnetfelder und Metallabscheider leisten dabei gute Dienste. Schon reduzieren sich die Lebensspuren dabei auf etwa 25 Kilogramm organisches Trockenpulver in umweltkorrekter Zusammensetzung. Schädliche Emissionen während des gesamten Prozesses sind ausgeschlossen.

 

Zu guter letzt können die gereinigten, gefriergetrockneten und vollkommen geruchsfreien sterblichen Überreste begraben werden. Sinnigerweise schlagen die Stickstoffökobestatter dazu einen kleinen Sarg aus Mais- oder Kartoffelstärke vor, der praktisch klimaneutral innerhalb eines Jahres zu Kompost verrottet.

 

Verfahrenstechnik, Chemie und Physik bereichern mit unzähligen Möglichkeiten unser tägliches Leben. Dass der technische Fortschritt selbst vor dem Tod nicht haltmacht, kann daher kaum verwundern.