Tatortreinigung

Christian Heistermann ist Gebäudereinigermeister und reinigt im Auftrag seiner Kunden auch Tatorte und Leichenfundorte. Im Interview mit Silke Dürrhauer gab er Einblicke in die Arbeit eines Tatortreinigers.
Christian Heistermann
© C. Heistermann

Herr Heistermann, seit Mai 2007 bieten Sie eine Ausbildung zum Tatortreiniger an. Ist für Ihre Bewerber der Tatortreiniger ein Traumberuf?


Einige rufen an, weil sie das bei „CSI“ oder bei „Galileo“ gesehen haben. Da sah allerdings alles sehr spektakulär und mystisch aus. Andere haben einen Hauptschulabschluss und sagen: „Dann mach ich halt das“. Doch den Beruf Tatortreiniger gibt es nicht. Es ist eine Weiterbildung für den Gebäudereiniger. Für die chemische, physikalische, hygienische und technische Grundausbildung müssen die Voraussetzungen vorhanden sein, um zu begreifen: Was ist eigentlich Schmutz? Wie bekomme ich ihn weg?

 

Wie sind Sie denn auf die Tatortreinigung gekommen?

 

Wir haben einen Auftrag bekommen. Jemand war gestorben und niemand wollte dort saubermachen. Hinterher dachten wir, es wäre nicht schlecht, solche Aufträge öfter zu übernehmen. Wir haben unter anderem praktische Arbeitsunterweisungen gemacht, wo wir Test-Tatorte nachgestellt haben. Aber das war nie spektakulär. Da geschieht vielmehr das ganz normale Ableben eines Menschen, mit allen Begleiterscheinungen.

 

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie die Spuren Verstorbener entfernen müssen? Kann man das Emotionale einfach abschalten?

 

Manchmal, wenn ich den letzten Wohnort eines Menschen geräumt und sauber gemacht habe, empfinde ich es wie die DELETE-Taste am Computer: ausgelöscht. Obwohl ich nicht für den Tod verantwortlich bin. Und wenn man dann nach Hause kommt, macht man sich schon seine Gedanken über den Tod. Aber vor Ort arbeitet man das technisch ab. Wenn man Kloschüsseln reinigt oder in Küchen die versifften Ecken entfernt, dann ist der Tatort eigentlich nicht mehr weit. Es ist tatsächlich eine Sache der Gewöhnung.

 

 

Über den Interviewpartner:


Christian Heistermann, geboren 1968 in Berlin-Wilmersdorf, absolvierte in den 80er Jahren eine Ausbildung zum Glas- und Gebäudereiniger, machte 2000 seinen Meister und ist Inhaber der HSG Heistermann-Gebäude-Service GmbH. Die Firma hat derzeit vier Auszubildene und wird in diesem Jahr zwei weitere einstellen. 


 

 

Auch der Tod an sich?

 

Der Tod nicht, weil man in dem Augenblick sachlich daran geht. Wir sehen nur den Teil, nachdem der Tote abtransportiert wurde, und betrachten die Sache nur noch in Pfützen, Lachen und in üblen Gerüchen. Wir kommen in den Raum rein und sagen: „Gut, hier stinkt's ganz schön, setzen wir mal die Masken auf“.

 

Machen die Atemschutzmasken die Arbeit erträglich?

 

Ja, sie filtern zu 99,89 Prozent. Nur beim Aufsetzen und Abnehmen bekommt man mal „eine Nase mit“. Der Atemwiderstand in der Atemmaske ist allerdings ziemlich anstrengend. Außerdem trägt man seine Arbeitskleidung, also eine Schutzbrille, Überschuhe und einen Vollschutzanzug, der keine Feuchtigkeit nach außen dringen lässt. Man ist eingeschränkt in seiner Bewegung. Aber so fühlt man sich sicher.

 

Wie groß ist denn der Bedarf an Tatortreinigungen?

 

Eigentlich ist er hoch. Aber es gibt viele Menschen, die Tatorte reinigen, auch wenn sie nicht qualifiziert sind. Neulich habe ich mit so jemandem gesprochen: Er würde das kein zweites Mal machen. Aber es gibt genügend Leute, die da einfach hingeschickt werden mit: „Ach, mach mal weg, das ist doch gar nicht so schlimm.“

 

Was macht denn den Unterschied zwischen der „normalen“ Gebäudereinigung und der Tatortreinigung aus?

 

Wir müssen genau wissen, wie mit welchem Tatort umzugehen ist. Dafür brauchen wir Kenntnisse über Desinfektion, Wirkstoffe sowie Arbeits- und Gesundheitsschutz. Auch der Umgang mit dem Kunden ist wichtig. Als Gebäudereiniger dürfen wir etwa nicht anfangen, Psychologen zu spielen - oder aber unachtsam mit der Sache umgehen, indem ein unbedachter Scherz gemacht wird.

 

Wie lange dauert es eigentlich, die Spuren eines Verstorbenen zu beseitigen?

 

Wenn man rein von der Verschmutzung, also den Spuren des Verstorbenen, ausgeht und nicht von eventuell später entstehenden Viren, Keimen oder Schädlingen - etwa 5 bis 15 Minuten.

 

Was muss anschließend gemacht werden?

 

Das kommt immer auf den Umstand an. In den schlimmen Fällen wie einer Messie-Wohnung dauert es teilweise Wochen, bis wir in die Wohnung kommen. Dann war vor uns meist ein Schädlingsbekämpfer da. Wir nehmen dann eine Vordesinfektion vor, anschließend wird gegebenenfalls entrümpelt. Hinterher kann man grob und fein reinigen, dann kommen die normalen Reinigungsarbeiten wie schrubben, saugen, wischen. Die Desinfektion kann erst am Schluss durchgeführt werden, weil die Desinfektionsmittel mit dem Eiweiß im Schmutz reagieren könnten. Dann wäre ihre Wirkung zunichte. In manchen Fällen desinfizieren wir auch einfach, weil der Kunde sich sicherer fühlt.

 

Wer ist denn eigentlich „der Kunde“?

 

Die Zielgruppe bzw. die Auftraggeber sind meistens Angehörige, aber auch Wohnungsbaugesellschaften, wenn keine Hinterbliebenen da sind, die die Kosten tragen.

 

Was kostet eine Tatortreinigung?

 

Wir haben Stundensätze zwischen 25 und 28 Euro netto. Dort inbegriffen sind alle Mittel, die zur Durchführung der Tatortreinigung benötigt werden. Hinzu kommt eine An- und Abfahrtspauschale, die etwa 20 bis 25 Euro beträgt. Der letzte Umsatz bei solch einem Einsatz lag bei 125 Euro.

 

Und wenn keine Firma beauftragt wird, bleiben die Angehörigen auf der Reinigungsarbeit sitzen?

 

Richtig.

 

Gibt es als Kaufmann da einen moralischen Zwiespalt, wenn man bedenkt, dass man gerade einen Tatort oder einen Ort reinigt, wo jemand gestorben ist?

 

Nein. Ich würde es unverschämt finden, wenn ich Leute betrügen würde. Ich bin meinen Kunden bisher immer so begegnet, dass ich sagen kann, dass ich christlich gehandelt habe. Ich will jetzt nicht auf Samariter machen, aber ich bin damit in meinem Leben gut gefahren.